Kritik: Winnetou I
Ein zeitloses Abenteuer begeistert in Elspe
Denn
schon
lange
vor
Beginn
der
eigentlichen
Premiere
herrschte
auf
dem
weitläufigen
Festivalgelände
reges
Treiben.
Die
Karl-May-Festspiele
verstehen
sich
längst
nicht
mehr
nur
als
zweistündige
Freilichtaufführung,
sondern
als
Ganztagserlebnis,
und
auch
am
diesjährigen
Premierentag
wurde
dieser
Anspruch
eindrucksvoll
eingelöst.
Bereits
am
Vormittag
strömten
die
Besucher
auf
das
Gelände,
wo
sie
von
Live-Musik
und
Showproduktionen
auf
den
Tag
eingestimmt
wurden.
So
entstand
schon
Stunden
vor
dem
eigentlichen
Beginn
der
Karl-May-Aufführung
jene
besondere
Mischung
aus
Familienfest
und
Westernwelt,
die
seit
Jahren
zu
den
Markenzeichen
des
Elspe
Festivals
gehört.
Es
gab
Straßentheater
(die
Frage
bleibt,
ob
die
Geschäftsleitung
dem
Tausendsassa
Markus
Lürick
eines
Tages
ein
zweites
Mikro
spendieren
wird…),
eine
gute
Country-Rock-Band,
die
Reiter-
und
Pferdeshow
in
der
Rodeo-Arena,
eine
gegenüber
dem
Vorjahr
verbesserte
Stuntshow
und
eine
Musikshow
in
der
Elspe-
Festival-Halle,
der
die
Verantwortlichen
für
ungetrübten
Hörgenuss
bei
den
Musikshows irgendwann mal neue Beschallungstechnik gönnen könnten.
Doch
wenden
wir
den
kritischen
Blick
auf
den
Tages-Höhepunkt
auf
der
Naturbühne:
Die
Premiere
stand
unter
besonderen
meteorologischen
Vorzeichen.
Die
Temperaturen
kletterten
auf
hochsommerliche
Werte.
Während
die
Zuschauer
auf
den
vollständig
überdachten
Tribünen
vergleichsweise
komfortable
Bedingungen
vorfanden,
waren
die
Darsteller
auf
der
Bühne
den
Temperaturen
unmittelbar
ausgesetzt.
Besonders
die
Schauspieler
in
aufwendigen
Kostümen
hatten
mit
der
Hitze
zu
kämpfen.
Dicke
Kostüme,
schwere
Requisiten
und
zahlreiche actionreiche Szenen verlangten den Beteiligten einiges ab.
Besondere
Aufmerksamkeit
galt
naturgemäß
den
mehr
als
vierzig
Pferden,
die
während
der
Aufführung
im
Einsatz
waren.
Die
Tiere
gehören
seit
jeher
zu
den
Stars
der
Karl-May-Festspiele,
und
entsprechend
sorgfältig
wurde
ihr
Wohlergehen
überwacht.
Neben
der
Bühne
standen
zusätzliche
Wasserstellen
bereit,
an
denen
die
Pferde
regelmäßig
trinken
konnten.
Außerdem
wurden
sie
zwischen
ihren
Einsätzen
mit
Wasser
gekühlt.
Rückzugsbereiche
im
Schatten
ermöglichten den Tieren Erholung von der direkten Sonneneinstrahlung.
Schon
der
Beginn
der
Inszenierung
setzte
einen
anderen
Akzent
als
viele
frühere
Elspe-Produktionen.
Aus
dem
Bühnenboden
erhob
sich
eine
Bibliothekskulisse.
Zwischen
Bücherregalen
erschien
Karl
May
selbst
an
seinem
Schreibtisch.
Mit
Feder
in
der
Hand
blickte
er
ins
Publikum
und
lud
die
Zuschauer
ein,
gemeinsam
mit
ihm
zu
träumen.
Dieser
Einstieg
wirkte
überraschend
poetisch
und
schlug
eine
Brücke
zwischen
dem
Schriftsteller
und
seiner
bekanntesten
Erzählung.
Statt
das
Publikum
unmittelbar
in
Schießereien
und
Action
zu
werfen,
nahm
sich
die
Regie
einige
Minuten
Zeit,
um
die
Fantasie
als
Ursprung
der
gesamten
Geschichte
zu
etablieren.
Dieser
Kunstgriff
der
Verortung
in
der
Fantasie
erwies
sich
als
kluge
Entscheidung,
weil
er
zum
einen
den
„Kulturelle
Aneignung!“
und
„Nicht
authentisch
genug!“
–
Kritikern
von
allem,
in
dem
das
Wort
Indianer
(„Kolonialismus!“)
vorkommen,
den
Stecker
zog
und
gleichzeitig
dem
späteren
Spektakel einen erzählerischen Rahmen verlieh.
Danach
entwickelte
sich
die
Handlung
mit
bemerkenswertem
Tempo.
Im
Mittelpunkt
stand
die
Ankunft
des
jungen
Deutschen
Karl,
der
später
als
Old
Shatterhand
bekannt
werden
sollte.
Als
Vermesser
und
Eisenbahnmitarbeiter
kam
er
nach
New
Mexico
und
musste
erkennen,
dass
die
geplante
Bahntrasse
nicht
nur
technischen
Fortschritt
bedeutete,
sondern
zugleich
das
Land
der
Apachen
bedrohte.
Die
Inszenierung
verzichtete
dabei
erfreulicherweise
auf
einfache
Schwarz-Weiß-Zeichnungen.
Zwar
blieb
Santer
der
klassische
Gegenspieler,
doch
die
Konflikte
wurden
differenzierter
erzählt
als
in
manch
älteren
Karl-May-
Adaptionen.
Die
Themen
Landraub,
Machtmissbrauch,
Misstrauen
und
kulturelle
Verständigung bildeten das eigentliche Fundament der Geschichte.
Besonders
stark
geriet
die
Darstellung
der
beiden
indianischen
Lager.
Die
Apachen
unter
Intschu-tschuna
standen
für
den
Versuch,
Frieden
und
Vernunft
zu
bewahren.
Die
Kiowas
unter
Tangua
verkörperten
hingegen
die
Frustration
und
den
Zorn
eines
Volkes,
das
keine
Zukunft
mehr
in
Verhandlungen
sah.
Dadurch
gewann
die
Geschichte
zusätzliche
Tiefe.
Der
Konflikt
beschränkte
sich
nicht
auf
Indianer
gegen
Weiße,
sondern
zeigte
unterschiedliche
Reaktionen
auf
dieselbe
Bedrohung.
Gerade
in
einer
Zeit,
in
der
gesellschaftliche
Polarisierung
vielerorts zunimmt, wirkte dieser Gedanke überraschend aktuell.
Jean-Marc
Birkholz
bewies
einmal
mehr,
dass
er
die
perfekte
Besetzung
für
die
Rolle
des
Winnetou
ist:
Sein
vielschichtiges
Spiel,
die
unglaubliche
Präsenz
auf
der
riesigen
Bühne
gepaart
mit
der
für
derlei
Inszenierungen
nicht
selbstverständlichen
Fähigkeit,
die
leisen
Momente
mit
glaubwürdigem
Leben
zu
füllen,
begeistert,
ohne
die
„Wilder
Westen
–
Actionfans“
(also
sämtliche
Kinder
im
Publikum
inklusive
dem
staunenden
Ruhrgesichter
Redakteur)
auch
nur
eine
Sekunde
zu
langweilen
oder
gar
zu
verlieren.
Hoffen
wir,
dass
er
dem
Elspe
Festival
noch
lange
erhalten
bleibt,
auch
wenn
der
innere
Apachenorakel
unseres
Redakteurs
etwas
anderes
befürchtet.
Birkholz
spielte
einen
Winnetou,
der
zwischen
Verantwortung,
Trauer
und
Selbstzweifeln
schwankte.
Besonders
in
den
Szenen
mit
seinem
Vater
Intschu-tschuna
entstand
ein
glaubwürdiges
Bild
eines
künftigen
Anführers,
der
erst
lernen
musste,
seine
Rolle
anzunehmen.
Die
Entwicklung
der
Figur
gehörte
zu
den
größten
Stärken
des
Abends.
Birkholz
gelang
es,
Würde
und
Verletzlichkeit
miteinander
zu
verbinden,
ohne
jemals
pathetisch
zu
wirken.
Für
uns
er
der
stärkste
Winnetou,
den
Elspe
je
hatte
und
ja, wie wissen, welch‘ große Namen bei dieser Bewertung mit im Rennen waren.
Nicht
minder
überzeugend
präsentierte
sich
Thomas
Koziol
als
neuer
Old
Shatterhand.
Sein
Debüt
auf
der
Elspe-Bühne
wurde
mit
großer
Spannung
erwartet.
Der
Österreicher,
der
in
anderen
Produktionen
lange
selbst
Winnetou
verkörpert
hatte,
spielte
Old
Shatterhand
in
einer
angenehm
bodenständigen
Interpretation.
Sein
Old
Shatterhand
war
kein
unfehlbarer
Held,
sondern
ein
Mensch,
der
zunächst
Orientierung
suchte
und
mehrfach
falsche
Entscheidungen
traf.
Koziol
überzeugte
sowohl
in
den
Dialogen
als
auch
in
den
körperlich
anspruchsvollen Reit- und Actionszenen.
Die
Regie
nahm
sich
die
Entstehung
der
Freundschaft
zwischen
Winnetou
und
Old
Shatterhand
ausreichend
Zeit.
Aus
Misstrauen
wurde
Respekt,
aus
Respekt
Vertrauen.
Dieser
Prozess
wirkte
nachvollziehbar
und
nicht
als
dramaturgische
Pflichtübung.
Stephan
Kieper
verlieh
Intschu-tschuna
eine
beeindruckende
Autorität.
Seine
Auftritte
strahlten
Ruhe
und
Würde
aus.
Gleichzeitig
wurde
deutlich,
wie
schwer
es
dem
Häuptling
fiel,
angesichts
wachsender
Gewalt
am
Weg
des
Friedens
festzuhalten.
Sein
großer
Zweikampf
mit
Tangua
gehörte
einerseits
zu
den
alljährlich
wiederkehrenden
Action-Pflichtübungen
in
Elspe,
ging
jedoch
im
erzählerischen
Kontext
darüber
hinaus.
Sebastian
Kolb
spielte
den
Kiowa-
Häuptling
mit
großer
Intensität.
Tangua
erschien
nicht
als
eindimensionaler
Bösewicht,
sondern
als
tragische
Figur,
deren
Verbitterung
nachvollziehbar
blieb.
Die
Konfrontation
der
beiden
Stammesführer
entwickelte
eine
dramatische
Kraft,
die weit über den reinen Schauwert hinausging.
Für
die
nötigen
humoristischen
Akzente
sorgte
das
berühmte
Kleeblatt
aus
Sam
Hawkens,
Dick
Stone
und
Will
Parker.
Matthias
Schlüter,
Markus
Lürick
und
Michael
Müller
harmonierten
ausgezeichnet
miteinander.
Auffällig
war,
dass
ihre
Rollen
tatsächlich
mehr
Gewicht
erhielten
als
in
manchen
früheren
Inszenierungen.
Die
Dialoge
wirkten
pointiert
und
rutschten
nur
ganz
selten
in
puren
Klamauk,
was
aber
bei
einer
solchen
Familien-Inszenierung
kein
Minuspunkt
sein
muss.
Aufgrund
eines
feinen
Gespürs
für
Timing
und
Situationskomik
kamen
die
Lacher
des
Publikums
regelmäßig,
aber
nur
selten
auf
Kosten der eigentlichen Geschichte.
Auch
die
Nebenrollen
waren
diesmal
durchweg
stark
besetzt.
Sarah
Gösser
verlieh
Nscho-tschi
Wärme
und
Ausstrahlung,
Tina
Mester
setzte
als
Miranda
zusätzliche
Akzente,
während
Ben
Schulte
als
Klekih-Petra
eine
sympathische
Ruhe
in
die
Handlung
brachte.
Oliver
Fleischer
sorgte
als
Bancroft
für
zahlreiche
heitere
Momente.
Seine
Darstellung
des
stets
etwas
angeschlagenen
Ingenieurs
fügte sich nahtlos in das Ensemble ein.
Ein
eigentlicher
Star
des
Abends
blieb
jedoch
die
Naturbühne
selbst.
Die
neue
Inszenierung
präsentierte
ein
beeindruckendes
Bühnenbild,
das
zu
den
stärksten
der
vergangenen
Jahre
gezählt
werden
darf.
Ein
Dorf,
ein
imposanter
Saloon,
ein
gewaltiges
Pueblo
sowie
versenkbare
Kulissenelemente
sorgten
für
ständig
wechselnde Schauplätze. Dadurch entstand ein fast filmischer Erzählfluss.
Hinzu
kamen
die
berühmten
Elspe-Effekte.
Explosionen
erschütterten
die
Naturbühne,
Schüsse
hallten
durch
das
Rund,
Reiter
jagten
mit
hohem
Tempo
über
das
Gelände,
und
immer
wieder
sorgten
spektakuläre
Stunts
für
Szenenapplaus.
Ein
besonderer
Publikumsliebling
war
ohne
Zweifel
der
Weißkopfseeadler
Milow.
Als
der
Greifvogel
über
die
Naturkulisse
glitt,
herrschte
für
einige
Augenblicke
nahezu
völlige
Stille
im
Zuschauerraum.
Trotz
aller
Schauwerte
verlor
die
Inszenierung
ihre
Botschaft
nie
aus
den
Augen.
Im
Zentrum
standen
Fragen
nach
Verantwortung,
Versöhnung
und
gegenseitigem
Verständnis.
Die
Geschichte
erzählte
von
Menschen,
die
lernen
mussten,
Vorurteile
zu
überwinden.
Dieser
Aspekt
wirkte
bemerkenswert
zeitgemäß.
Ohne
belehrend
zu
sein,
erinnerte
die
Aufführung
daran,
dass
Frieden
stets
die
Bereitschaft
voraussetzt,
dem
anderen
zuzuhören.
Natürlich
erreichte
nicht
jede
Szene
dasselbe
Niveau,
dies
lag
zum
Einen
an
den
naturgemäß
bei
solchen
Großproduktionen
vorhandenen
Unterschieden
in
den
schauspielerischen
Fähigkeiten
der
Protagonisten
und
gelegentlich
wirkten
einige
Szenen
etwas
überfrachtet.
Diese
Kritikpunkte
blieben
jedoch
Randerscheinungen
in einer insgesamt großartigen Produktion.
Die
Regie
von
Marco
Kühne
setzte
sichtbar
auf
eine
Balance
aus
Tradition
und
Modernisierung.
Fans
klassischer
Karl-May-Festspiele
erhielten
alles,
was
sie
erwarteten:
Pferde,
Stunts,
Schießereien,
Humor
und
große
Emotionen.
Gleichzeitig
wurde
die
Geschichte
behutsam
aktualisiert,
die
Beweggründe
der
Figuren
herausgearbeitet,
ohne
das
teils
sehr
junge
Publikum
völlig
abzuhängen.
Allein
dies
ist
eine
Kunst
für
sich.
Dadurch
entstand
eine
Fassung,
die
sowohl
langjährige Karl-May-Anhänger als auch jüngere Besucher ansprechen dürfte.
Als
sich
nach
dem
Finale
das
Ensemble
zum
Schlussapplaus
versammelte,
hielt
es das Publikum nicht in den Sitzen.
Mit
der
Premiere
von
„Winnetou
I
–
Häuptling
der
Apachen“
ist
den
Karl-May-
Festspielen
Elspe
ein
überzeugender
Saisonauftakt
gelungen.
Die
Produktion
verbindet
spektakuläre
Action
mit
emotionaler
Glaubwürdigkeit,
starke
Darstellerleistungen
mit
beeindruckender
Technik
und
klassische
Abenteuerunterhaltung
mit
zeitlosen
Themen.
Wer
die
Entstehung
der
Freundschaft
zwischen
Winnetou
und
Old
Shatterhand
erleben
möchte,
erhält
hier
eine
Inszenierung,
die
den
Mythos
respektiert
und
zugleich
neue Akzente setzt.
Tickets und alle Infos unter:
www.elspe.de
Unser
Ruhrgesichter
-
Fotograf
hatte
am
Marterpfahl
keine
Hände
frei,
daher:
Alle Fotos in diesem Bericht: © Elspe-Festival
Alle Fotos in diesem Bericht: © Elspe-Festival