RuhrGesichter Die Karl-May-Festspiele Elspe haben ihre Saison 2026 mit einer jener Premieren eröffnet, die deutlich machte, weshalb die Naturbühne im Sauerland seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Karl-May-Spielstätten zählt. Mit „Winnetou I – Häuptling der Apachen“ kehrte nicht nur eine der bekanntesten Geschichten des Karl-May-Kosmos zurück auf den Spielplan, sondern zugleich jener Stoff, der die Grundlage für die wohl berühmteste Freundschaft der Abenteuerliteratur bildet. Es stand die Frage im Raum, ob es den Verantwortlichen gelingen würde, die Ursprungslegende von Winnetou und Old Shatterhand neu zu erzählen, ohne den Kern der Geschichte zu verlieren. Die Antwort fiel am Premierenabend eindeutig aus: Ja, das gelang auf beeindruckende Weise. Doch dazu später mehr...

Kritik: Winnetou I                                                                    

Ein zeitloses Abenteuer begeistert in Elspe

Denn    schon    lange    vor    Beginn    der    eigentlichen    Premiere    herrschte    auf    dem weitläufigen    Festivalgelände    reges    Treiben.    Die    Karl-May-Festspiele    verstehen sich   längst   nicht   mehr   nur   als   zweistündige   Freilichtaufführung,   sondern   als Ganztagserlebnis,    und    auch    am    diesjährigen        Premierentag    wurde    dieser Anspruch   eindrucksvoll   eingelöst.   Bereits   am   Vormittag   strömten   die   Besucher auf   das   Gelände,   wo   sie   von   Live-Musik   und   Showproduktionen   auf   den   Tag eingestimmt   wurden.   So   entstand   schon   Stunden   vor   dem   eigentlichen   Beginn der    Karl-May-Aufführung    jene    besondere    Mischung    aus    Familienfest    und Westernwelt,   die   seit   Jahren   zu   den   Markenzeichen   des   Elspe   Festivals   gehört.   Es gab   Straßentheater   (die   Frage   bleibt,   ob   die   Geschäftsleitung   dem   Tausendsassa Markus    Lürick    eines    Tages    ein    zweites    Mikro    spendieren    wird…),    eine    gute Country-Rock-Band,    die    Reiter-    und    Pferdeshow    in    der    Rodeo-Arena,    eine gegenüber   dem   Vorjahr   verbesserte   Stuntshow   und   eine   Musikshow   in   der   Elspe- Festival-Halle,    der    die    Verantwortlichen    für    ungetrübten    Hörgenuss    bei    den Musikshows irgendwann mal neue Beschallungstechnik gönnen könnten. Doch    wenden    wir    den    kritischen    Blick    auf    den    Tages-Höhepunkt    auf    der Naturbühne: Die    Premiere    stand    unter    besonderen    meteorologischen    Vorzeichen.    Die Temperaturen   kletterten   auf   hochsommerliche   Werte.   Während   die   Zuschauer auf     den     vollständig     überdachten     Tribünen     vergleichsweise     komfortable Bedingungen   vorfanden,   waren   die   Darsteller   auf   der   Bühne   den   Temperaturen unmittelbar   ausgesetzt.   Besonders   die   Schauspieler   in   aufwendigen   Kostümen hatten    mit    der    Hitze    zu    kämpfen.    Dicke    Kostüme,    schwere    Requisiten    und zahlreiche actionreiche Szenen verlangten den Beteiligten einiges ab. Besondere   Aufmerksamkeit   galt   naturgemäß   den   mehr   als   vierzig   Pferden,   die während   der   Aufführung   im   Einsatz   waren.   Die   Tiere   gehören   seit   jeher   zu   den Stars     der     Karl-May-Festspiele,     und     entsprechend     sorgfältig     wurde     ihr Wohlergehen   überwacht.   Neben   der   Bühne   standen   zusätzliche   Wasserstellen bereit,   an   denen   die   Pferde   regelmäßig   trinken   konnten.   Außerdem   wurden   sie zwischen   ihren   Einsätzen   mit   Wasser   gekühlt.   Rückzugsbereiche   im   Schatten ermöglichten den Tieren Erholung von der direkten Sonneneinstrahlung. Schon   der   Beginn   der   Inszenierung   setzte   einen   anderen   Akzent   als   viele   frühere Elspe-Produktionen.   Aus   dem   Bühnenboden   erhob   sich   eine   Bibliothekskulisse. Zwischen   Bücherregalen   erschien   Karl   May   selbst   an   seinem   Schreibtisch.   Mit Feder   in   der   Hand   blickte   er   ins   Publikum   und   lud   die   Zuschauer   ein,   gemeinsam mit   ihm   zu   träumen.   Dieser   Einstieg   wirkte   überraschend   poetisch   und   schlug eine   Brücke   zwischen   dem   Schriftsteller   und   seiner   bekanntesten   Erzählung.   Statt das   Publikum   unmittelbar   in   Schießereien   und   Action   zu   werfen,   nahm   sich   die Regie   einige   Minuten   Zeit,   um   die   Fantasie   als   Ursprung   der   gesamten   Geschichte zu   etablieren.   Dieser   Kunstgriff   der   Verortung   in   der   Fantasie   erwies   sich   als kluge   Entscheidung,   weil   er   zum   einen   den   „Kulturelle   Aneignung!“   und   „Nicht authentisch    genug!“    –    Kritikern    von    allem,    in    dem    das    Wort    Indianer („Kolonialismus!“)   vorkommen,   den   Stecker   zog   und   gleichzeitig   dem   späteren Spektakel einen erzählerischen Rahmen verlieh. Danach    entwickelte    sich    die    Handlung    mit    bemerkenswertem    Tempo.    Im Mittelpunkt   stand   die   Ankunft   des   jungen   Deutschen   Karl,   der   später   als   Old Shatterhand   bekannt   werden   sollte.   Als   Vermesser   und   Eisenbahnmitarbeiter   kam er   nach   New   Mexico   und   musste   erkennen,   dass   die   geplante   Bahntrasse   nicht nur   technischen   Fortschritt   bedeutete,   sondern   zugleich   das   Land   der   Apachen bedrohte.    Die    Inszenierung    verzichtete    dabei    erfreulicherweise    auf    einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen.   Zwar   blieb   Santer   der   klassische   Gegenspieler,   doch die    Konflikte    wurden    differenzierter    erzählt    als    in    manch    älteren    Karl-May- Adaptionen.   Die   Themen   Landraub,   Machtmissbrauch,   Misstrauen   und   kulturelle Verständigung bildeten das eigentliche Fundament der Geschichte. Besonders    stark    geriet    die    Darstellung    der    beiden    indianischen    Lager.    Die Apachen   unter   Intschu-tschuna   standen   für   den   Versuch,   Frieden   und   Vernunft zu   bewahren.   Die   Kiowas   unter   Tangua   verkörperten   hingegen   die   Frustration und   den   Zorn   eines   Volkes,   das   keine   Zukunft   mehr   in   Verhandlungen   sah. Dadurch   gewann   die   Geschichte   zusätzliche   Tiefe.   Der   Konflikt   beschränkte   sich nicht   auf   Indianer   gegen   Weiße,   sondern   zeigte   unterschiedliche   Reaktionen   auf dieselbe   Bedrohung.   Gerade   in   einer   Zeit,   in   der   gesellschaftliche   Polarisierung vielerorts zunimmt, wirkte dieser Gedanke überraschend aktuell. Jean-Marc   Birkholz   bewies   einmal   mehr,   dass   er   die   perfekte   Besetzung   für   die Rolle   des   Winnetou   ist:   Sein   vielschichtiges   Spiel,   die   unglaubliche   Präsenz   auf der     riesigen     Bühne     gepaart     mit     der     für     derlei     Inszenierungen     nicht selbstverständlichen   Fähigkeit,   die   leisen   Momente   mit   glaubwürdigem   Leben   zu füllen,   begeistert,   ohne   die   „Wilder   Westen   –   Actionfans“   (also   sämtliche   Kinder im   Publikum   inklusive   dem   staunenden   Ruhrgesichter   Redakteur)   auch   nur   eine Sekunde   zu   langweilen   oder   gar   zu   verlieren.   Hoffen   wir,   dass   er   dem   Elspe Festival   noch   lange   erhalten   bleibt,   auch   wenn   der   innere   Apachenorakel   unseres Redakteurs    etwas    anderes    befürchtet.    Birkholz    spielte    einen    Winnetou,    der zwischen   Verantwortung,   Trauer   und   Selbstzweifeln   schwankte.   Besonders   in   den Szenen   mit   seinem   Vater   Intschu-tschuna   entstand   ein   glaubwürdiges   Bild   eines künftigen    Anführers,    der    erst    lernen    musste,    seine    Rolle    anzunehmen.    Die Entwicklung   der   Figur   gehörte   zu   den   größten   Stärken   des   Abends.   Birkholz gelang   es,   Würde   und   Verletzlichkeit   miteinander   zu   verbinden,   ohne   jemals pathetisch   zu   wirken.   Für   uns   er   der   stärkste   Winnetou,   den   Elspe   je   hatte   und ja, wie wissen, welch‘ große Namen bei dieser Bewertung mit im Rennen waren. Nicht    minder    überzeugend    präsentierte    sich    Thomas    Koziol    als    neuer    Old Shatterhand.    Sein    Debüt    auf    der    Elspe-Bühne    wurde    mit    großer    Spannung erwartet.   Der   Österreicher,   der   in   anderen   Produktionen   lange   selbst   Winnetou verkörpert   hatte,   spielte   Old   Shatterhand   in   einer      angenehm   bodenständigen Interpretation.   Sein   Old   Shatterhand   war   kein   unfehlbarer   Held,   sondern   ein Mensch,   der   zunächst   Orientierung   suchte   und   mehrfach   falsche   Entscheidungen traf.    Koziol    überzeugte    sowohl    in    den    Dialogen    als    auch    in    den    körperlich anspruchsvollen Reit- und Actionszenen. Die   Regie   nahm   sich   die   Entstehung   der   Freundschaft   zwischen   Winnetou   und Old   Shatterhand   ausreichend   Zeit.   Aus   Misstrauen   wurde   Respekt,   aus   Respekt Vertrauen.   Dieser   Prozess   wirkte   nachvollziehbar   und   nicht   als   dramaturgische Pflichtübung. Stephan   Kieper   verlieh   Intschu-tschuna   eine   beeindruckende   Autorität.   Seine Auftritte   strahlten   Ruhe   und   Würde   aus.   Gleichzeitig   wurde   deutlich,   wie   schwer es   dem   Häuptling   fiel,   angesichts   wachsender   Gewalt   am   Weg   des   Friedens festzuhalten.    Sein    großer    Zweikampf    mit    Tangua    gehörte    einerseits    zu    den alljährlich    wiederkehrenden    Action-Pflichtübungen    in    Elspe,    ging    jedoch    im erzählerischen    Kontext    darüber    hinaus.    Sebastian    Kolb    spielte    den    Kiowa- Häuptling    mit    großer    Intensität.    Tangua    erschien    nicht    als    eindimensionaler Bösewicht,   sondern   als   tragische   Figur,   deren   Verbitterung   nachvollziehbar   blieb. Die   Konfrontation   der   beiden   Stammesführer   entwickelte   eine   dramatische   Kraft, die weit über den reinen Schauwert hinausging. Für   die   nötigen   humoristischen   Akzente   sorgte   das   berühmte   Kleeblatt   aus   Sam Hawkens,    Dick    Stone    und    Will    Parker.    Matthias    Schlüter,    Markus    Lürick    und Michael   Müller   harmonierten   ausgezeichnet   miteinander.   Auffällig   war,   dass   ihre Rollen     tatsächlich     mehr     Gewicht     erhielten     als     in     manchen     früheren Inszenierungen.   Die   Dialoge   wirkten   pointiert   und   rutschten   nur   ganz   selten   in puren     Klamauk,     was     aber     bei     einer     solchen     Familien-Inszenierung     kein Minuspunkt    sein    muss.    Aufgrund    eines    feinen    Gespürs    für    Timing    und Situationskomik   kamen   die   Lacher   des   Publikums   regelmäßig,   aber   nur   selten   auf Kosten der eigentlichen Geschichte. Auch    die    Nebenrollen    waren    diesmal    durchweg    stark    besetzt.    Sarah    Gösser verlieh   Nscho-tschi   Wärme   und   Ausstrahlung,   Tina   Mester   setzte   als   Miranda zusätzliche   Akzente,   während   Ben   Schulte   als   Klekih-Petra   eine   sympathische Ruhe   in   die   Handlung   brachte.   Oliver   Fleischer   sorgte   als   Bancroft   für   zahlreiche heitere   Momente.   Seine   Darstellung   des   stets   etwas   angeschlagenen   Ingenieurs fügte sich nahtlos in das Ensemble ein. Ein   eigentlicher   Star   des   Abends   blieb   jedoch   die   Naturbühne   selbst.   Die   neue Inszenierung   präsentierte   ein   beeindruckendes   Bühnenbild,   das   zu   den   stärksten der   vergangenen   Jahre   gezählt   werden   darf.   Ein   Dorf,   ein   imposanter   Saloon,   ein gewaltiges    Pueblo    sowie    versenkbare    Kulissenelemente    sorgten    für    ständig wechselnde Schauplätze. Dadurch entstand ein fast filmischer Erzählfluss. Hinzu    kamen    die    berühmten    Elspe-Effekte.    Explosionen    erschütterten    die Naturbühne,   Schüsse   hallten   durch   das   Rund,   Reiter   jagten   mit   hohem   Tempo über    das    Gelände,    und    immer    wieder    sorgten    spektakuläre    Stunts    für Szenenapplaus. Ein   besonderer   Publikumsliebling   war   ohne   Zweifel   der   Weißkopfseeadler   Milow. Als   der   Greifvogel   über   die   Naturkulisse   glitt,   herrschte   für   einige   Augenblicke nahezu    völlige    Stille    im    Zuschauerraum.    Trotz    aller    Schauwerte    verlor    die Inszenierung   ihre   Botschaft   nie   aus   den   Augen.   Im   Zentrum   standen   Fragen   nach Verantwortung,    Versöhnung    und    gegenseitigem    Verständnis.    Die    Geschichte erzählte   von   Menschen,   die   lernen   mussten,   Vorurteile   zu   überwinden.   Dieser Aspekt   wirkte   bemerkenswert   zeitgemäß.   Ohne   belehrend   zu   sein,   erinnerte   die Aufführung   daran,   dass   Frieden   stets   die   Bereitschaft   voraussetzt,   dem   anderen zuzuhören. Natürlich   erreichte   nicht   jede   Szene   dasselbe   Niveau,   dies   lag   zum   Einen   an   den naturgemäß   bei   solchen   Großproduktionen   vorhandenen   Unterschieden   in   den schauspielerischen   Fähigkeiten   der   Protagonisten   und   gelegentlich   wirkten   einige Szenen   etwas   überfrachtet.   Diese   Kritikpunkte   blieben   jedoch   Randerscheinungen in einer insgesamt großartigen Produktion. Die   Regie   von   Marco   Kühne   setzte   sichtbar   auf   eine   Balance   aus   Tradition   und Modernisierung.    Fans    klassischer    Karl-May-Festspiele    erhielten    alles,    was    sie erwarteten:     Pferde,     Stunts,     Schießereien,     Humor     und     große     Emotionen. Gleichzeitig   wurde   die   Geschichte   behutsam   aktualisiert,   die   Beweggründe   der Figuren   herausgearbeitet,   ohne   das   teils   sehr   junge   Publikum   völlig   abzuhängen. Allein   dies   ist   eine   Kunst   für   sich.   Dadurch   entstand   eine   Fassung,   die   sowohl langjährige Karl-May-Anhänger als auch jüngere Besucher ansprechen dürfte. Als   sich   nach   dem   Finale   das   Ensemble   zum   Schlussapplaus   versammelte,   hielt es das Publikum nicht in den Sitzen. Mit   der   Premiere   von   „Winnetou   I   –   Häuptling   der   Apachen“   ist   den   Karl-May- Festspielen    Elspe    ein    überzeugender    Saisonauftakt    gelungen.    Die    Produktion verbindet     spektakuläre     Action     mit     emotionaler     Glaubwürdigkeit,     starke Darstellerleistungen       mit       beeindruckender       Technik       und       klassische Abenteuerunterhaltung    mit    zeitlosen    Themen.    Wer    die    Entstehung    der Freundschaft   zwischen   Winnetou   und   Old   Shatterhand   erleben   möchte, erhält   hier   eine   Inszenierung,   die   den   Mythos   respektiert   und   zugleich neue Akzente setzt.   Tickets und alle Infos unter: www.elspe.de Unser   Ruhrgesichter   -   Fotograf   hatte   am   Marterpfahl   keine   Hände   frei,   daher: Alle Fotos in diesem Bericht: © Elspe-Festival  
Alle Fotos in diesem Bericht: © Elspe-Festival