RuhrGesichter Die St.-Johannes-Baptist-Kirche in Neheim erfüllte ein besonderer Zauber zur „Magic Gregorian Night“. Das Ensemble Magic Gregorian Night — einst bekannt als „Magic Gregorian Voices“ — hatte zum Konzert im Rahmen ihrer Tour „Klang der Mönche“ geladen und gut dreihundert Besucher kamen.

Magic Gregorian Night                                                             

Der „Klang der Mönche“ in Neheim

Eigentlich   war   der   Konzertabend   in   der   Christuskirche   geplant,   da   dort   jedoch   in Hörweite    ein    Rockkonzert    drohte,    den    Chorgenuss    zu    stören,    zog    man kurzerhand   in   die   St.-Johannes-Baptist-Kirche   um.   Dort   mussten   sich   die   Sänger zwar   auch   gegen   den   Partyschlager,   der   von   der   winterlichen   Eisbahn   und   einer Karaoke   Party   direkt   vor   der   Kirche   durch   die   Tür   sickerte,   durchsetzen,   jedoch hielt sich die Störung tatsächlich in einem erträglichen Rahmen. Die   acht   bulgarischen   Sänger   des   Ensembles,   gekleidet   in   schlichte   Mönchskutten und   unter   der   künstlerischen   Leitung   von   Georgi   Pandurov,   präsentierten   ein Programm,    das    Gregorianik,    geistliche    Mehrstimmigkeit    von    Ave    Maria    über Regina   Caeli   bis   Pie   Jesu   in   der   Andrew   Lloyd   Webber   Version,   Weihnachtslieder wie     „White     Christmas“     und     moderne     Klassiker     zu     einer     eindrucksvollen musikalischen Reise verband. Der   Begriff   Gregorianischer   Choral   bezeichnet   ursprünglich   den   einstimmigen, unbegleiteten      lateinischen      Gesang      der      römisch-katholischen      Liturgie. Kennzeichnend   für   den   Gregorianischen   Choral   ist   seine   schlichte,   zugleich   tief berührende    Melodieführung.    Die    Anfänge    der    Gregorianik    liegen    in    der frühchristlichen     Musik     Westeuropas     sowie     in     der     Gesangstradition     des oströmischen    bzw.    byzantinischen    Reiches.    Gregorianischer    Gesang    ist    von Askese    und    Einfachheit    geprägt    –    frei    von    überflüssigen    Tönen,    starken musikalischen    Gegensätzen    oder    instrumentaler    Begleitung.    In    den    Melodien vereinen sich Schönheit, Klarheit, Stille und ein Hauch von Mystik. Die   St.-Johannes-Baptist-Kirche   selbst   erwies   sich   dabei   als   mehr   als   nur   ein Veranstaltungsort:   Sie   wurde   zum   klanglichen   und   emotionalen   Mitspieler   des Abends.    Schon    mit    den    ersten    Tönen    der    gregorianischen    Gesänge    wurde deutlich,   wie   stark   der   Raum   die   Musik   trägt.   Das   hohe   Mittelschiff   fing   jeden   Ton auf     und     gab     ihm     ein     langes,     warmes     Nachschwingen:     Ein     Echo jahrhundertelanger   Glaubens-   und   Kulturgeschichte.   Die   Stimmen   des   Ensembles schwebten   wie   ein   einziger,   langsam   atmender   Klangkörper   durch   den   Raum, kamen   aus   der   Ferne,   verloren   sich,   tauchten   wieder   auf   –   als   würde   die   Kirche selbst mitsingen. Trotz   des   halligen   großen   Kirchschiffs   entstand   ein   fein   differenzierter   Klang,   der nur   gelegentlich   in   den   lauteren   Passagen   etwas   matschig   geriet,   was   jedoch   der Raumakustik    und    nicht    dem    Chor    anzulasten    war.    Insgesamt    wurde    die Sakralarchitektur   zum   Verstärker   jener   meditativen   Wirkung,   die   gregorianische Musik   seit   Jahrhunderten   in   Klöstern   und   Kathedralen   entfaltet.   Der   Chorklang des   Ensembles   ist   farbenreich,   ausgewogen,   harmonisch   und   auch   mit   sehr guten Einzelstimmen besetzt. Beim   Hören   ergab   sich   eine   plausible   Dramaturgie:   Das   Konzert   begann   mit mittelalterlich     inspirierten     gregorianisch-traditionellen     Chorälen     —     ruhig, meditativer    Klang,    der    wie    in    einem    Klosterraum    schwebte.    Das    gewaltige Kirchenschiff   der   St.-Johannes-Kirche   nahm   diese   Stimmen   förmlich   auf,   ließ   sie nachhallen,   umringte   sie   —   es   war,   als   ob   Raum   und   Klang   eins   würden.   Später wechselten   die   Sänger   zu   bekannten   Melodien   unserer   Zeit,   ohne   die   sakrale Stimmung gänzlich zu verlieren. Das   Programm,   spannte   eine   weite   Klammer:   Von   traditionellen   Gesängen   bis   hin zu   modernen   Klassikern   wie   Leonard   Cohens   „Halleluja“.   Diese   Mischung   hätte leicht    beliebig    wirken    können,    doch    dem    Chor    gelang    eine    bemerkenswerte Verbindung.    Die    modernen    Stücke    wurden    nicht    als    Brüche,    sondern    als gelungene   Erweiterungen   präsentiert   –   getragen   von   der   gleichen   Stimmpräzision wie   die   alten   Choräle.   Die   Sänger   präsentierten   sich   mit   disziplinierter   Klarheit und    feiner    Abstimmung;    ihre    Stimmen    verschmolzen    zu    einem    homogenen, zugleich    farbenreichen    Klang:    Das    Ensemble    der    acht    bulgarischen    Sänger beeindruckte   durch   stimmliche   Kraft,   Präzision   und   Ensemblegefühl.   Unter   der Leitung   des   erfahrenen   Georgi   Pandurov   war   nicht   nur   technische   Sicherheit vorhanden, sondern auch expressive Bandbreite. Die    Mönchskutten    verliehen    den    Darbietungen    visuelle    Schlichtheit    —    die Konzentration   blieb   ganz   auf   der   Stimme,   so   wurde   auch   auf   weitergehende „Showelemente“    bewusst    verzichtet,    man    gab    sich    puristisch    und    ließ    die menschliche Stimme in dem sakralen Raum für sich sprechen. Mit   seinem   Ensemble   belebt   Georgi   Pandurov   nicht   nur   die   Musik   der   orthodoxen Liturgie,    sondern    auch    die    Tradition    der    frühen    Kirchenmusik.    Von    den gregorianischen   Gesängen   und   Chorälen   des   8.   und   9.   Jahrhunderts   schlägt Pandurov   einen   weiten   musikalischen   Bogen   zur   Musik   der   Renaissance   und   des Barock.    Mit    Klassikern    der    Popmusik    gelingt    es    Pandurov    die    Mystik    und Faszination   des   gregorianischen   Chorals   in   die   Moderne   zu   tragen;   auch   wenn   im Ergebnis   teils   Chorsätze   bekannter   Popklassiker   entstehen,   die   mit   Gregorianik nicht mehr viel zu tun haben. Ist das schlimm? Natürlich nicht. Vor   allem   dann   nicht,   wenn   dies   so   gut   gelingt   wie   beim   formidablen   Knockin‘   on Heaven‘s   Door   von   Guns   N‘   Roses   oder   bei   Leonard   Cohens   Welthit   Halleluja; allerdings   war   nicht   jeder   Song   für   diese   Besetzung   perfekt   geeignet,   so   blieb Queens   Bohemian   Rhapsody   hinter   Hello   von   Lionel   Richie   oder   der   Zugabe Amazing Grace deutlich zurück. Zur   Pause   nach   den   ersten   fünfzig   Minuten   und   nach   dem   (inkl.   Pause)   rund zweistündigen    Konzert    debattierte    das    Publikum    die    Songauswahl    und    die Gewichtung   zwischen   Tradition   und   Pop:   Am   Ende   bleibt   es   Geschmackssache, was   dem   einen   Besucher   besonders   gut   gefiel,   enttäuschte   den   nächsten;   in   der Summe    gingen    die    Zuschauer    jedoch    zufrieden    mit    einem    Gefühl    zwischen „beseelt“ und „begeistert“ nach Hause. Die   Kombination   aus   Vokalkunst   und   der   Kirchenarchitektur   machte   den   Auftritt zu    einer    musikalischen    Brücke    zwischen    Jahrhunderten,    die    nachhaltig    im Gedächtnis   bleibt.   Es   war   ein   Abend,   der   zeigte,   wie   zeitlos   Musik   sein   kann, wenn sie in einem Raum erklingt, der selbst eine Geschichte zu erzählen hat.