RuhrGesichter Als das Metal Diver Festival in der Schützenhalle Marsberg zum nunmehr elften Mal seine Pforten öffnet und sich die Fans von den Parkplätzen zu Fuß auf den Berg des Schwermetall-Hochamtes gequält haben, wird schnell klar, dass sich das sauerländische Städtchen einmal mehr für einen Abend in eine Metal-Hochburg verwandelt. Glücklich jene, die bequem mit den vom Festival eingerichteten Shuttlebussen, welche die Fans aus dem Umland direkt zum Festivalgelände bringen, ihre An- und Abreise gesichert haben und sich damit nicht nur den nahezu hochalpinen Aufstieg zur St. Magnus Schützenhalle, sondern auch jede Zurückhaltung bei der Getränkewahl sparen können. Ein logistisches Detail, das bei derartigen Veranstaltungen Gold wert sein kann.

Kritik: Metal Diver Festival 2026                                                                   

Marsberg wackelt, aber die Schützenhalle hält

Wenige   Wochen   zuvor   hat   an   dieser   Stelle   noch   Metal-Diver   Mitorganisator   und Regisseur   Daniel   Hofmann   gemeinsam   mit   seinem   Filmteam   die   Premiere   des neuen    Films    „Ehrenamt“    gefeiert,    der    danach    mitsamt    der    Filmcrew    durch ausgewählte   Kinos   tingelte.   Nun   aber   wird   aus   Kinoatmosphäre   wieder   das, wofür   die   Schützenhalle   in   der   überregionalen   Metal-Szene   seit   Jahren   steht:   Ein Ort für laute Gitarren, regelmäßiges Nachhopfen und verschwitzte Kutten. Die   Vorzeichen   könnten   kaum   besser   sein,   denn   die   Veranstaltung   meldet   nahezu ausverkauft   –   nur   wenige   Resttickets   sind   vor   Beginn   an   der   Abendkasse   übrig. Vor    der    Halle    glüht    bereits    die    Fritteuse,    während    sich    an    den    Theken ausreichend      hopfenhaltige      Kaltgetränke      und      für      die      Schwangeren, Pressevertreter,      Altruisten,      Doofen      und      Antialkoholiker      -und      beliebige Schnittmengen   aus   vorgenannten   Gruppen-   auch   ordentlicher,   heißer   Kaffee   und langweiliges    Wasser    stapeln    –    ein    bodenständiges,    fast    schon    familiäres Festivalambiente, wie man es im Sauerland liebt. Dabei   stand   das   Line-up   im   Vorfeld   unter   keinem   guten   Stern.   Eigentlich   sollte die   schwedische   Death-Metal-Legende   Unleashed   auftreten,   doch   Sänger   und Bassist   Johnny   Hedlund   zog   sich   kurzfristig   einen   Fußbruch   zu   und   musste   ins Krankenhaus   eingeliefert   werden.   Die   Absage   sorgte   zunächst   für   Enttäuschung unter   vielen   Fans,   doch   die   Veranstalter   reagierten   schnell.   Gespräche   laufen bereits,   um   die   Band   zu   einem   späteren   Zeitpunkt   nach   Marsberg   zu   holen.   Als kurzfristiger   Ersatz   springen   schließlich   Fleshcrawl   ein   –   eine   Entscheidung,   die sich   im   Laufe   des   Abends   als   Glücksgriff   in   der   Not   erweisen   könnte;   denn innerhalb   von   vier   Tagen   einen   ordentlichen   Ersatz   für   ein   Kaliber   vom   Schlage der    Death-Metal    Pioniere    von    Unleashed    aufzutreiben,    ist    selbst    für    die Marsberger Orga-Könige eine Herausforderung. Den   Auftakt   um   18   Uhr   übernehmen   Powergame ,   die   mit   ihrem   klassisch geprägten   Heavy   Metal   sofort   mit   Slaying   Gods   und   Twisted   Minds   klarmachen, dass   halbe   Sachen   ihr   Ding   nicht   sind.   Ihr   45-minütiger   Opener-Set   wirkt   wie eine   Liebeserklärung   an   die   Hochphase   des   80er-Metal   und   NWOBHM.   Treibende Riffs,   hymnische   Refrains   und   ein   spürbarer   Spaß   an   der   Sache   sorgen   dafür, dass   die   bei   diesem   Festival   traditionell   zum   Opener   bereits   gut   gefüllte   Halle schnell    in    Stimmung    gerät.    Für    eine    Opening-Band    gelingt    es    Powergame erstaunlich   mühelos,   das   Publikum   mitzunehmen.   Die   Gitarrenarbeit   überzeugt: klassischer,   technisch   sauber   gespielter   Twin-Guitar-Sound:   Hier   wird   das   Rad nicht    neu    erfunden.    Vieles    klingt    sicherlich    irgendwie    vertraut,    aber    nie abgestanden.   Meint:   Kein   Schnick,   kein   Schnack;   auf   die   Zwölf   und   ab   durch   die breite Mitte mit Schwung und Spaß. Chapeau, liebe Powergamer. Ergänzend   lässt   sich   der   Auftritt   von   Powergame   auch   vor   dem   Hintergrund   einer Kontroverse   betrachten,   die   die   Band   Mitte   2025   beschäftigte   und   von   der   die Band   sicherlich   nicht   mehr   gerne   liest;   doch   da   müssen   sie   jetzt   durch...   Damals trennte   sich   die   Ostwestfalen   von   ihrem   Gitarristen   Marc-Phillip,   der   als   Betreiber des   YouTube-Kanals   „Clownswelt“   aktiv   ist.   Die   Band   begründete   den   Schritt   mit politischen    Differenzen    und    erklärte,    man    wolle    sich    klar    von    den    dort vertretenen,     rechten     Positionen     distanzieren.     In     der     Szene     sorgte     die Entscheidung   durchaus   für   Diskussionen:   Während   ein   Teil   der   Fans   die   klare Abgrenzung    der    Band    begrüßte,    kritisierten    andere    den    Schritt    als    unnötige Politisierung   eines   musikalischen   Projekts   und   die   Art   der   Trennung   als   schmutzig und    unsouverän,    insgesamt    gab    es    dazu    die    üblichen    halberlei    albernen Grundsatzdiskussionen,   wer   nun   mehr   Metal   ist,   was   wahren   Metal   ausmacht, wer   auf   keinen   Fall   mehr   Metal   sein   sollte   und   wer   das   alles   nun   zertifiziert bestimmen      darf,      welche      politischen      Ansichten      in      diesem      Spektrum genehmigungsfähig    sind    und    ob    eine    Band    eigene    „Personalentscheidungen“ treffen    darf,    ohne    zuvor    basisdemokratisch    die    X-    &    Facebook-Community abstimmen    zu    lassen.    Für    Powergame    bedeutete    die    Trennung    jedenfalls musikalisch    einen    markanten    Einschnitt,    da    Marc-Phillip    zuvor    über    mehrere Jahre   am   Gitarrensound   der   Gruppe   beteiligt   gewesen   war.   Auf   der   Bühne   in Marsberg    wirkt    die    Band    jedoch    gefestigt;    der    Auftritt    zeigt,    dass    sie    die personelle     Umstellung     inzwischen     musikalisch     verarbeitet     hat     und     ihren klassischen Heavy-Metal-Stil souverän auf die Bühne bringt. Was   den   gesamten   Abend   prägte:   Guter   Sound   und   gegenüber   den   Vorjahren eine   Verbesserung   beim   Licht.   Um   Punkt   19   Uhr   betreten   dann   Vulture    die Bühne.   Die   Dortmunder   High-Speed-Metal-Truppe   bringt   sofort   eine   Portion   mehr Aggression   ins   Spiel.   Rasiermesserscharfe   Riffs   und   ein   Nähmaschinen-Tempo, das   kaum   Raum   zum   Durchatmen   lässt,   katapultieren   die   Schützenhalle   direkt   in den   Nackenbrecher-Geschwindigkeitsrausch.   Das   Material   entfaltet   live   genau   die rohe   Energie,   für   die   Vulture   inzwischen   bekannt   sind.   Das   Publikum   reagiert entsprechend    und    die    Band    wirkt    eingespielt    und    hungrig    –    ein    klassischer Festivalauftritt,   der   in   seinen   45   Minuten   kaum   Schwächen   zeigt   und   mit   Victim to the Blade und Power Thrash endet. Unser   allgemeiner,   spezieller   und   globalgalaktischer   Dank   gilt   dieser   Combo,   dass sie    diesen    Nackenbrechersound    unserer    längst    vergangenen,    aber    wildesten prägungsempfindlichen    Zeit,    bei    der    wir    gelernt    haben,    zwingend    auf    den akustischen     Schlüsselreiz     von     Speed-Metal     mit     lustigem     Kopfwackeln     zu reagieren,   auf   diesem   hohen   Niveau   am   Leben   halten   und   dabei   auch   noch   so aussehen, als hätten sie eine Zeitmaschine hinter der Bühne versteckt. Nach    kurzer    Umbaupause    folgt    um    20:05    Uhr    mit    Dragony     aus    Wien    der melodische   Gegenpol.   Da   Sänger   Siegfried   nicht   dabei   sein   kann,   lastet   die Verantwortung    für    die    Gesangsparts    ausschließlich    auf    den    Schultern    von Sängerin   Maria,   die   diese   ungewohnte   Situation   jedoch   problemlos   meistert.   Die österreichische   Power-Metal-Formation   bringt   eine   ganz   andere   Atmosphäre   in die   St.   Magnus   Schützenhalle   Marsberg:   Epische   Keyboards,   große   Refrains   und eine   deutliche   Portion   Fantasy-Pathos   mit   Twilight   of   the   Gods,   Gods   of   War   und anderen   Ohrenschleifern.   Der   namensgebende   Hallenheilige   Magnus   mag   ja   in seinem   Wirken   dereinst   diverse   Schlangen,   Dämonen   und   Drachen   gemeuchelt haben,   während   des   Sets   von   Dragony   wendet   sich   das   Blatt   zeitweilig   zu   einem gerechten   Unentschieden.   Meint:   Die   Drachen   fliegen   erfreulich   tief   durch   die fleißigen   Headbanger.   Das   Set   wirkt   wie   eine   Reise   durch   melodischen   Fantasy Power     Metal,     bei     dem     Mitsingpassagen     und     heroische     Gitarrenmelodien dominieren.   Gerade   Songs   mit   hymnischem   Charakter   wie   „Beyond   The   Rainbow Bridge“   funktionieren   hervorragend   und   sorgen   dafür,   dass   sich   die   Stimmung vom   reinen   Abriss   hin   zu   euphorischem   Mitfeiern   entwickelt.   In   der   Mitte   des Abends   platziert,   erfüllt   Dragony   damit   eine   wichtige   dramaturgische   Rolle:   Sie bringen   Abwechslung   ins   Line-up   und   erweitern   die   stilistische   Bandbreite   des Festivals deutlich. Die    kurzfristige    Umbesetzung    macht    sich    um    21:15    Uhr    bemerkbar,    als Fleshcrawl    die   Bühne   betreten.   Old-School-Death-Metal   ist   angesagt   –   roh, kompromisslos.   Schon   mit   den   ersten   schweren   Riffs   wird   klar,   dass   hier   eine andere    Gewichtsklasse    anrollt.    Kraftvoller    Gesang    aus    der    Hölle    von    Borisz Sarafutgyinov,   der   für   den   2021   verstorbenen   Sven   Gross   das   Mikro   übernahm, knochentrockene   Doublebass   und   dunkle   Gitarrenwände   lassen   die   Schützenhalle in   einen   dichten   Soundnebel   eintauchen.   Klassiker   aus   dem   umfangreichen   und seit   1987   gewachsenen   Repertoire   der   Band   und   neuere   Stücke   sorgen   für   eine brutale,   aber   gleichzeitig   nostalgische   Atmosphäre.   Viele   Fans   begrüßen   den kurzfristigen   Ersatz   enthusiastisch;   die   Energie   vor   der   Bühne   spricht   Bände:   Man bittet   zum   Tanz.   Innerhalb   ihrer   60   Minuten   liefern   Fleshcrawl   ein   Lehrstück   darin ab,   wie   traditioneller   Death   Metal   live   funktionieren   muss:   Druckvoll,   direkt   und ohne     überflüssige     Schnörkel     einfach     mitten     durch     die     Nase     mit     dem Dampfhammer ins Kleinhirn. Unser ganz persönliches Festival – Highlight! Der   von   der   Running   Order   vorgesehene   Höhepunkt   des   Abends   folgt   schließlich um   22:45   Uhr,   wenn   die   deutschen   Metal-Veteranen   Primal   Fear    als   Headliner die    Bühne    betreten.    Die    Band    legt    mit    voller    Wucht    los.    Ralf    Scheepers demonstriert    einmal    mehr,    warum    er    zu    den    prägnantesten    Stimmen    des europäischen    Power    Metal    zählt.    Seine    hohen    Screams    sitzen    punktgenau, während   die   Rhythmussektion   den   massiven   Soundteppich   ausrollt.   Die   Band wirkt    routiniert    (sie    hatte    ja    auch    seit    1997    Zeit,    sich    auf    diesen    Auftritt vorzubereiten   ;-)),   aber   keineswegs   müde.   Gerade   in   einer   vollen,   kleineren   Halle entsteht    eine    dichte    Atmosphäre,    bei    der    die    Grenze    zwischen    Bühne    und Publikum   zeitweise   verschwimmt   und   der   Schweiß   von   der   Decke   tropft.   Es   gilt allerdings    der    Geschmacksalarm:    So    ganz    ist    das    nicht    die    favorisierte musikalische   Richtung   unseres   rasenden   Reporters   vor   Ort,   allerdings   ist   selbst seinen     altersschwachen     Ohren     (die     er     lustigerweise     zwei     Tage     später berufsbedingt   für   seinen   weiteren   Karriereweg   testen   lassen   muss:   Wir   sehen rabenschwarz,   dass   er   neben   seinem   Metal-Diver-Gedächtnis-Tinitus   irgendetwas hört…   :-)   Anm.   d.   Red.)   aufgefallen,   dass   das   Dargebotene   musikalisch   und handwerklich      auf      allerhöchstem      Niveau      verhandelt      wurde      und      das Bühnengeschehen   mitreißend   und   kurzweilig   war:   Der   75-minütige   Headliner-Slot vergeht entsprechend wie im Flug. Doch   der   Abend   ist   damit   noch   nicht   vorbei.   Als   offizieller   Rausschmeißer   um 0:20    Uhr    betreten    Pripjat     aus    Köln    die    Bühne    und    liefern    eine    letzte, energiegeladene   Thrash-Metal-Dosis.   Die   Band   aus   Köln   ist   bekannt   für   ihren politisch   aufgeladenen   Thrash,   der   musikalisch   stark   von   klassischen   Größen   wie Slayer    oder    Kreator    inspiriert    sein    soll.    Irgendwer    hinter    uns,    meint    auch Motorheads   Lemmy   nahezu   dämonisch   aus   dem   Pripjat-Sänger   singen   zu   hören, wir   wissen   aber   nicht,   wieviel   Kaffee   der   Kollege   schon   getrunken   hat,   um   zu dieser   Erkenntnis   zu   kommen.   Mit   schnellen   Nummern   wie   „Nuclear   Chainsaw“ oder   „Protect   and   Secure“   reißen   sie   die   letzten   Reserven   aus   dem   Publikum,   bei Snitches   Get   Stitches   zählt   Bobo   4x   vor   ;).   Die   Songs   funktionieren   wie   ein   finaler Adrenalinschub   nach   einem   langen   Festivaltag:   Aggressive   Stücke,   die   direkt   ins Mark   gehen.   Trotz   der   späten   Uhrzeit   lässt   der   aufrechtstehende   Teil   der   Metal Diver Gemeinde mit erhobenen „Pommesgabeln“ den Abend ausklingen. So   endet   ein   Festivalabend,   der   trotz   oder   wegen   der   kurzfristigen   Absage   von Unleashed   eindrucksvoll   zeigt,   wie   flexibel   und   leidenschaftlich   die   Metal-Szene funktionieren   kann.   Die   Mischung   aus   Heavy,   Speed,   Power,   Death   und   Thrash sorgt      für      einen      abwechslungsreichen      Spannungsbogen,      während      die Temporärbesatzung    der    Schützenhalle    Marsberg    beweist,    dass    auch    kleinere Städte   mit   vielfüßiger,   -händiger-   und   -köpfiger   Unterstützung   und   Leidenschaft große   Metal-Abende   auf   die   Beine   stellen   können.   Ehrenamt   halt.   Shuttlebusse, Basisüberlebenssicherung   (Pommes/Wurst/Veggiefrikaduse,   den   Rest   kann   man trinken),   geile   Bands   und   ein   enthusiastisches   Publikum   –   manchmal   braucht es   gar   nicht   sieben   Bühnen   und   eine   vier   Kilometer   lange   Zirkusmeile, um    ein    Festival    unvergesslich    zu    machen .    Und    vielleicht,    wenn    die Gespräche    erfolgreich    verlaufen,    erobern    Unleashed    irgendwann    doch    noch Marsberg.   Dann   wäre   die   Geschichte   dieses   Abends   um   ein   weiteres   Kapitel reicher.