Kritik: Rebel, Rebel
Isolation, Gewalt, Liebe, Widerstand & David Bowie
Ivo
Van
Hoves
„Rebel
Rebel“,
als
Eröffnungsproduktion
der
Ruhrtriennale
in
der
Bochumer
Jahrhunderthalle
uraufgeführt,
setzt
auf
große
Gegensätze:
Zerstörung
und
Liebe,
Kälte
und
Körperlichkeit,
gesellschaftliche
Kontrolle
und
individuelle
Freiheit.
Das
Ergebnis
ist
ein
zweistündiger,
pausenloser
Abend,
der
musikalisch
stets
ausgesprochen
stark
ist,
choreografisch-tänzerisch
an
der
Weltklasse
kratzt,
visuell
oft
überwältigen
kann
und
dramaturgisch
nicht
immer
mit
der
Kraft
seiner
Songs
mithält.
Gerade
darin
liegt
aber
auch
ein
Reiz:
Van
Hove
versucht
nicht,
David
Bowie
zu
erklären.
Er
lässt
dessen
Musik
auf
eine
eigens
erfundene
Dystopie treffen und vertraut darauf, dass aus dieser Kollision Theater entsteht.
Die
Wahl
der
Jahrhunderthalle
als
Schauplatz
könnte
dafür
kaum
passender
sein.
Der
ehemalige
Industriebau
gehört
zu
den
prägenden
Spielorten
der
Ruhrtriennale
und
steht
beispielhaft
für
die
Idee
dieses
Festivals:
Kunst
begegnet
nicht
einer
neutralen
Theaterarchitektur,
sondern
einem
Raum
mit
eigener
Geschichte.
Die
Jahrhunderthalle
ist
heute
ein
zentraler
Veranstaltungsort
der
Ruhrtriennale;
ihre
industrielle
Vergangenheit
bleibt
dabei
stets
Teil
der
Atmosphäre.
Schon
der
Weg
in
die
Halle,
die
Dimensionen
des
Raumes
und
die
sichtbare
Verbindung
von
Architektur
und
Kultur
machen
deutlich,
dass
hier
nicht
einfach eine herkömmliche Theaterbühne bespielt wird.
Für
ein
Stück
über
eine
Gesellschaft
am
Abgrund,
über
Gewalt
und
die
Sehnsucht
nach
einem
anderen
Leben,
ist
dieser
Ort
deshalb
mehr
als
eine
imposante
Kulisse und gibt dem Abend eine materielle Schwere.
Auch
die
Ruhrtriennale
selbst
lebt
von
dieser
Verbindung.
Das
Festival
verbindet
Musiktheater,
Schauspiel,
Tanz,
Konzert,
Performance
und
weitere
Kunstformen
an
verschiedenen
Spielorten
im
Ruhrgebiet.
Ivo
Van
Hove
ist
in
den
Jahren
2024
bis
2026
Intendant;
„Rebel
Rebel“
ist
seine
letzte
Eröffnungsproduktion,
bevor
die Intendanz wechselt.
Van
Hove
beendet
seine
dreijährige
Amtszeit
damit
ausgerechnet
mit
David
Bowie,
einem
Künstler,
der
wie
kaum
ein
anderer
für
Veränderung,
Grenzüberschreitung
und
die
bewusste
Erfindung
immer
neuer
Identitäten
steht.
Das
ist
nicht
bloß
eine
hübsche
biografische
Fußnote.
Bowie
ist
für
Van
Hove
eine
persönliche
und
künstlerische
Referenz.
Bereits
bei
„Lazarus“
arbeiteten
beide
zusammen:
Bowie
hatte
Van
Hove
persönlich
mit
der
Inszenierung
des
Musicals
beauftragt,
das
im
Dezember
2015
in
New
York
uraufgeführt
wurde,
nur
wenige
Wochen
vor
Bowies
Tod.
Henry
Hey,
der
damals
die
musikalische
Leitung
übernahm
und
an
Bowies
Album
„The
Next
Day“
beteiligt
war,
ist
auch
bei
„Rebel
Rebel“
musikalischer
Leiter
und
Arrangeur.
Die
neue
Produktion
knüpft
also
ausdrücklich
an
eine
Zusammenarbeit
an,
die
für
beide
Künstler
von
großer
Bedeutung war. Doch „Rebel Rebel“ ist kein zweites „Lazarus“.
Stattdessen
nimmt
Van
Hove
eine
Auswahl
aus
Bowies
Songkosmos
und
baut
daraus
eine
neue
Geschichte:
Die
Geschichte
von
einer
verrohten
Gesellschaft,
in
der
gewalttätige
Gangs
die
Städte
terrorisieren,
zwischenmenschliche
Beziehungen
verboten
sind
und
Isolation
staatlich
durchgesetzt
wird.
Ein
junges
Paar
widersetzt
sich
dieser
Ordnung
und
erschafft
sich
eine
eigene
Utopie.
Liebe
wird
zum
Akt
des
Widerstands.
Das
klingt
zunächst
nach
einem
klassischen
dystopischen
Szenario.
Und
tatsächlich
ist
die
Handlung
von
„Rebel
Rebel“
auffallend
einfach.
Da
sind
Boy
und
Girl,
zwei
junge
Menschen,
die
sich
lieben.
Da
ist
der
Gang
Leader,
der
eine
gewalttätige
Ordnung
repräsentiert.
Und
da
ist
ein
Ensemble,
das
zugleich
Gesellschaft,
Bedrohung,
Masse
und
tänzerische
Energie
verkörpert.
Die
Figuren
sind
weniger
psychologisch
ausgearbeitete
Charaktere als Projektionsflächen.
Tatsächlich
ist
die
Welt
von
„Rebel
Rebel“
weniger
differenziert
als
die
Musik,
die
sie
begleitet.
Es
gibt
keine
komplizierte
Gesellschaftsanalyse,
keine
verschiedenen
Fraktionen,
keine
ausführliche
Erklärung
dafür,
wie
dieses
Regime
entstanden
ist.
Die
Gangs
sind
vor
allem
Bedrohung.
Die
Liebenden
stehen
für
Freiheit.
Das
ist
ein
klarer
Gegensatz,
aber
kein
besonders
komplexer.
Das
kann
man
als
Schwäche
empfinden.
Es
kann
aber
auch
eine
bewusste
Konsequenz
aus
dem
Material
sein:
Wenn
Bowies
Songtexte
die
eigentliche
Sprache
des
Stücks
bilden, muss die Handlung nicht alles erklären.
Bowies
Texte
sind
oft
offen,
rätselhaft,
widersprüchlich.
Van
Hove
nutzt
genau
diese
Offenheit.
Das
bedeutet
allerdings
auch,
dass
die
Inszenierung
mitunter
gegen
ihre
eigene
Stärke
arbeitet.
Denn
sobald
Van
Hove
aus
den
offenen
Songtexten
eine
sehr
konkrete
dystopische
Welt
baut,
schränkt
er
ihre
Mehrdeutigkeit
wieder
ein.
Die
Gangs,
die
Verbote
und
die
Unterdrückung
sind
als
dramaturgisches
Gerüst
so
eindeutig,
dass
manche
Songs
plötzlich
eine
Bedeutung
bekommen,
die
ihnen
vorher
nicht
unbedingt
innewohnte.
Die
Stärke
von
Bowie
liegt
aber
gerade
darin,
dass
sich
seine
Texte
nicht
vollständig
auf
eine einzige Lesart reduzieren lassen.
Ramponierte
Container
bilden
auf
der
Bühne
eine
Art
dystopischer
Stadtlandschaft.
Dahinter
befindet
sich
eine
große
Projektionsfläche,
auf
der
die
reale
Bühnenwelt
ergänzt
wird.
Die
sehr
gute
Live-Band
steht
sichtbar
in
einem
der
Container.
Das
ist
entscheidend,
weil
„Rebel
Rebel“
ansonsten
leicht
zu
einer
großen
Videoinstallation
mit
Schauspielern
hätte
werden
können.
Die
Live-Musik
hält
den
Abend
am
Boden.
Sie
bringt
etwas
Unmittelbares
in
die
Halle.
Die
Songs
passieren
nicht
als
Erinnerung
an
Bowie,
sondern
jetzt.
Das
ist
wahrscheinlich
die
wichtigste Qualität der Produktion: Bowie wird nicht musealisiert.
Van
Hove
hat
eindeutig
eine
deutliche
Vorliebe
für
das
Bild,
das
keine
Zweifel
lässt.
Feuer
bedeutet
Untergang,
zerstörte
Hochhäuser
bedeuten
Zerstörung,
Sterne
bedeuten
Hoffnung
oder
Flucht.
Das
kann
sich
an
einzelnen
Stellen
beinahe
in
Richtung
Rockkonzert-Ästhetik
verschieben.
Diese
Konzentration
erzeugt
eine
gewisse
Gleichförmigkeit.
Wenn
fast
jede
Szene
groß,
intensiv
und
bildmächtig
ist,
verliert
das
Große
irgendwann
seine
Wirkung.
Feuer,
Projektionen,
körperliche
Gewalt
und
laute
Musik
können
sich
gegenseitig
verstärken
–
sie
können
sich
aber
auch
gegenseitig
neutralisieren.
Ein
Abend,
der
ständig
auf
maximale
Intensität
setzt,
braucht
eigentlich
Momente
der
Ruhe,
damit die Intensität wieder Bedeutung gewinnt.
Es
gibt
keinen
Darsteller,
der
Bowie
imitieren
müsste.
Stattdessen
werden
Bowies
Lieder
von
drei
zentralen
Figuren
und
einem
Ensemble
gesungen
und
körperlich
umgesetzt.
Boy
wird
von
Diego
Rodriguez
gespielt,
Girl
von
Ari
Notartomaso,
den
Gang
Leader
übernimmt
Daniel
Donskoy.
Die
drei
bilden
das
Zentrum
der
Produktion.
Wenn
Boy
und
Girl
singen,
bekommt
das
Stück
eine
Dimension,
die
der
Dialog
und
die
Dramaturgie
nicht
erzeugen
können.
Die
Handlung
selbst
liefert
in
ihrer
Schlichtheit
nicht
genügend
Tiefe
oder
Größe,
um
über
zwei
Stunden
zu
tragen.
Die
stärksten
Momente
lieferte
der
Abend
jedoch
nicht
nur
durch
die
gute
Interpretation
der
zeitlosen
Musik,
sondern
vor
allem
durch
den
fulminanten
Tanz,
einer
gewalttätigen,
schreienden
und
dann
wieder
ganz
stillen
choreografischen
Kraft.
„Rebel
Rebel“
ist
somit
tänzerisch
und
musikalisch
stärker
als
erzählerisch.
Die
Songs
besitzen
eine
Tiefe
und
Mehrdeutigkeit,
die
das
Handlungskonstrukt nicht immer erreicht.
So
bleibt
am
Ende
eine
Produktion,
die
in
ihren
Einzelteilen
stärker
ist
als
in
ihrem
dramaturgischen
Gesamtbau.
Die
Musik
ist
stark.
Die
Band
ist
stark.
Die
Choreografie
ist
stark.
Die
drei
Hauptdarsteller
sind
stark.
Das
Bühnenbild
ist
beeindruckend.
Die
Videoprojektionen
schaffen
eindrucksvolle
Tableaus.
Aber
die
Geschichte,
die
all
das
zusammenhalten
soll,
ist
vergleichsweise
dünn.
Vielleicht
ist
dies
die
angemessene
Art,
Bowie
im
Jahr
2026
zu
begegnen:
nicht
als
Denkmal,
sondern
als
Material
für
neue
Fragen.
David
Bowie
war
nie
nur
der
Sänger
eines
bestimmten
Jahrzehnts.
Seine
Musik
war
immer
auch
eine
Einladung
zur
Verwandlung.
Ivo
Van
Hove
nimmt
diese
Einladung
an
und
macht
daraus
einen
Abend
über
Menschen,
die
sich
weigern,
so
zu
bleiben,
wie
eine
zerstörerische
Gesellschaft
sie
haben
will.
Und
so
hallt
aus
der
Jahrhunderthalle
nach
zwei
Stunden
nicht
unbedingt
die
Geschichte
von
Boy,
Girl
und
dem
Gang
Leader nach. Es sind die Songs, die bleiben.
Ivo
Van
Hove
verabschiedet
sich
von
der
Ruhrtriennale
nicht
leise.
Er
tut
es
mit
einer
Band,
einer
Tanzkompanie,
einer
dystopischen
Containerstadt
und
David
Bowie.
Und
wenn
die
Musik
am
Ende
lauter
ist
als
die
Geschichte,
dann
ist
das
vielleicht
kein
Scheitern,
sondern
die
eigentliche
Pointe
dieses
ungewöhnlichen
Abends.
Alle Informationen zur diesjährigen Ruhrtriennale:
https://www.ruhrtriennale.de
© Jan Versweyveld
© Jan Versweyveld
© Jan Versweyveld
© Jan Versweyveld
© Jan Versweyveld
© Jan Versweyveld
© Jan Versweyveld